Wolfgang Huste Polit- Blog

»Wie kommen wir von hier nach dort?« . Die Konferenz »Auto.Mobil.Krise.« befaßt sich mit solidarischer Mobilität und unserer Zukunft. Ein Gespräch mit Rainer Rilling. Interview: Daniel Behruzi

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Rainer Rilling vom Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung ist Mitorganisator der Stuttgarter Konferenz »Auto.Mobil.Krise.« Die Rosa-Luxemburg-Stiftung veranstaltet gemeinsam mit der Linksfraktion im Bundestag vom 28. bis 30.Oktober einen Kongreß mit dem Titel »Auto.Mobil.Krise.«. Warum Krise? In den Automobilfabriken werden schließlich schon wieder Sonderschichten gefahren. Ja, aber die Krise und die Angst, die sie mit sich brachte, sind noch da. Mit Meldungen wie »Deutsche Premium-Autobauer feiern Comeback« von Spiegel online am 3. August läßt sich das nicht zukleistern. Wer fährt die Sonderschichten – und mit welchen Folgen? Wie steht es um die Leiharbeit? Sind die strukturellen Probleme, die zur Krise geführt haben, etwa beseitigt? Wie werden die zukünftigen Konkurrenzbedingungen aussehen? Und vor allem: Wie soll eine strukturkonservative Politik der Krisenüberwindung mit den absehbaren Grenzen dieses Modells Auto umgehen? Auf all diese Fragen gibt das etablierte Modell keine adäquaten Antworten. Klar ist: Mit Öl ist absehbar Schluß. Das ist eine absolute Schranke. Und dennoch wird verzweifelt mit den letzten Premiumpatronen geschossen – was den ganzen Prozeß noch einmal beschleunigt –, um sich Profite und Zeit zu kaufen für einen neuen Weltmarkt. Die gesamte Energiebilanz des Individualverkehrs ist miserabel. Nur rund fünf Prozent der Energiekette, in der die Verbrennungsmotoren stecken, werden wirklich effizient zur Beförderung der einskommaetwas Personen genutzt, die ein Pkw im Schnitt transportiert. Ein Pkw wiegt durchschnittlich 1360 Kilogramm und wird 13 Jahre alt. Sein Verbrauch an Materialressourcen in Energiemenge ausgedrückt liegt bei 3000 Kilowattstunden – der Verbrauch eines Einfamilienhauses für ein ganzes Jahr. Und die Premiumpolitik deutscher Konzerne setzt hier noch einen drauf. Wenn man sich vor diesem Hintergrund anschaut, daß die Verdoppelung der weltweiten Pkw-Menge bis 2020 eine explizite Zielsetzung ist, wird klar: Es gibt absolute und relative Grenzen des alten Modells Auto. Das ist die eigentliche Strukturkrise, die ein zentrales Thema auf der Tagung sein wird. Alle Hersteller schreiben sich aber doch die Entwicklung und Verbreitung von Alternativen zum Verbrennungsmotor auf die Fahnen. Ist das kein Ausweg? Es werden riesige Summen in diese Richtung investiert. Niemand hat einen genauen Überblick. Welcher technologische Entwicklungspfad hegemonial werden wird, ist aber noch offen – die meisten großen Konzerne und »neuen« Spieler gehen auf Risiko oder wollen überall dabei sein. Und alle versuchen sich an Übergängen. Das E-Auto als Mittelklassenzweitauto, und Spaß soll das machen. Eben las ich in der Schweizer Green Mobility 1/2010: »Auch die deutsche Automobilindustrie ist voll dabei, Hybrid-Rennwagen, zum Beispiel den Porsche 918, zu entwickeln.« Diese Autokultur der kultigen (und nun grünen) Kraftprotze des Individualverkehrs, vielleicht auch der Tankstellen und tempomotivierenden Autobahnen – alles soll möglichst nahe am alten Modell bleiben. Als ob es bloß um den Antriebsstrang ginge und nicht um die ganze Art der Mobilität! Die Autoindustrie redet von Neuerfindung des Autos – damit die politische Ökonomie des Autos so bleibt, wie sie ist. Uns geht es dagegen um eine demokratische und solidarische, sozial gerechte Mobilität und um eine andere Ökonomie. Die Linke hat hier noch viel Arbeit vor sich. Der Kongreß soll einen internationalen Charakter tragen. Warum ist das wichtig? Wir haben Gäste und Diskutanten aus Mittel- und Lateinamerika, China, Indien, Südafrika, Brasilien, USA, England, Türkei, Ungarn, Spanien, Frankreich, Kanada und Schweden. Fast alle arbeiten in der Automobilfertigung. Die Produktionsketten sind transnational, die Standortkonkurrenz mörderisch. In den Megastädten ist der Verkehrsinfarkt Normalität, die Zahl der Verkehrstoten explodiert. Die automobile Expansion geht dabei an den Mobilitätsbedürfnissen der ärmeren Gruppen vorbei, nicht zuletzt auf dem Land. Die Botschaften unserer Gäste sind auch die unseren: gute Arbeitsbedingungen, Beschäftigungssicherung, auch durch Konversion, Stärkung des öffentlichen Verkehrs und einer sozial gerechten Mobilität unter dem Stichwort »Just Transition« sowie langfristig die Schaffung einer ökologisch-sozialen Reformalternative, einer »Transformation«. In vielen Fragen ist die internationale linke Debatte um Demokratisierung und solidarische Mobilität weiter als hierzulande. Davon wollen wir lernen. Konferenzort ist Stuttgart, zur Zeit Schauplatz einer bedeutenden Protestbewegung. Anlaß ist ein Verkehrsprojekt: »Stuttgart 21«. Wird dieses Thema bei der Konferenz eine Rolle spielen? Wir haben schon letztes Jahr bewußt entschieden, genau diese Tagung in Stuttgart zu machen – der Autostadt, der Stadt von »Stuttgart21«. Der Bau des Tiefbahnhofs hat für die ganze Republik sichtbar die Demokratiefrage auf die Tagesordnung gesetzt. Das Recht auf Stadt. Und es geht um eine solidarische Mobilität und unsere Zukunft. So auch auf der Konferenz. Anders gesagt: Wir wollen versuchen, die Frage zu beantworten: Wie kommen wir von hier nach dort? Quelle: www.jungewelt.de vom 26.10.10
Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 26. Oktober 2010 um 10:51 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Blog abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.

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