Wolfgang Huste Polit- Blog

Das „Braune Haus“ ist nicht mehr braun. Bad Neuenahr stellt sich gegen Rechtsextremismus auf. Von Ludger Fittkau

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Das „Aktionsbüro Mittelrhein“ galt in den vergangenen Jahren als gefährlichste Neonazi-Gruppe in Westdeutschland. Ihr Hauptquartier war das „Braune Haus“ in Bad Neuenahr. Um dem Rechtsextremismus einzudämmen, gibt es nun einen Runden Tisch in der Stadt, der im letzten Jahr eine große Demonstration organisiert hat und als Netzwerk auch künftig mögliche rechtsextreme Aktivitäten im Ahrtal beobachten will.
„Das war größtenteils braun. Aber abgestuft. Dunkelbraun, etwas hellbraun.“

Ein Anwohner der Weinbergstraße in Bad Neuenahr spricht über das sogenannte “ Braune Haus“ in seiner Straße. Zwei Jahre lang befand sich hier die Schaltzentrale der rechtsradikalen Gruppierung „Aktionsbüro Mittelrhein“. Der Anwohner, der ungenannt bleiben will:

„Das ist ein Zusammenschluss von braun orientierten Leuten aus dem nahen und fernen Umfeld hier.“

Einem Zusammenschluss, dem Ermittler eine hohe Gewaltbereitschaft attestieren:
Im März 2012 wurde das „Braune Haus“ im Rahmen einer Großrazzia gegen Rechtsextreme in vier Bundesländern von einem Spezialeinsatzkommando der Polizei gestürmt:

„Ich habe das hier live erlebt an dem Morgen, als das gestürmt wurde das Haus. Ich habe das selber gesehen, wie das hier vonstatten ging, das war schon abenteuerlich.“

Seit Monaten wird nun in Koblenz ein Prozess gegen mehr als 20 Mitglieder der Organisation geführt, die laut Anklage einen Staat nach nationalsozialistischem Vorbild errichten will. Von gefährlicher Körperverletzung bis zu schwerem Landfriedensbruch reicht die Palette der Anklagepunkte. Ein Teil der Gruppe, die Gewalttaten gegen Andersdenkende unter anderem in Dresden verübt haben soll, sitzt inzwischen seit einem Jahr in Untersuchungshaft. Auch deshalb ist es still geworden in ihrem ehemaligen Treffpunkt, dem „Braunen Haus“ in Bad Neuenahr. Der Eigentümer hat vor Gericht die Räumung durchgesetzt, das Haus steht inzwischen leer, wird übers Internet zum Kauf angeboten. Die Fassade des Hauses hat die Farbe gewechselt.

„Es heißt jetzt das „Gelbe Haus“.“

In einer gemeinsamen Aktion haben Nachbarn die einst in Brauntönen gehaltenen Wände gelb gestrichen, nachdem die rechtsradikale Wohngemeinschaft das Haus verlassen hatte: Ein sichtbares Symbol, dass dem braunen Spuk im Kurort ein Ende gesetzt werden soll.

Die Bewohner des „Braunen Hauses“ hatten etwa das alte Brauchtum riesiger Martinsfeuer in den Hängen über dem Stadtteil Ahrweiler zur Propaganda genutzt. Diese Feuer sind regelrechte Lichtskulpturen auf großen Holzgestellen, bespickt mit tausenden von Fackeln. Gebaut werden sie traditionell von Vereinen in Ahrweiler, den sogenannten „Huten“. Das Lichtspektakel zieht jedes Jahr im November viele tausend Touristen an. Die Rechtsradikalen hatten es 2011 unterwandert und eine ihrer Internet-Adressen über der Stadt ins Licht gesetzt. Damit haben sie die bis dahin vielleicht etwas träge Zivilgesellschaft der Stadt wach gerüttelt, so Guido Orthen, CDU-Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler:

„Wir haben insbesondere in den Huten in Ahrweiler insbesondere durch den Missbrauch des Brauchtums in Ahrweiler eine Gegenreaktion erfahren können, dass gerade die jungen Menschen sich deutlich distanzieren von dem braunen Mob, wenn man so möchte.“

Nachbarn hatten damals beobachtet, dass die Rechtsradikalen im Garten des „Braunen Hauses“ in der Weinbergstraße das Gerüst für die Lichtskulptur zusammengesetzt hatten – eine Reaktion blieb damals noch aus. Der Nachbar, der seinen Namen nicht nennen will, hatte die Aktion zwar nicht beobachtet. Aber:

„Ich habe nur an Sylvester gesehen, nicht letztes Silvester, sondern davor das Silvester, da hatten die da vorne am Törchen eine V2-Rakete aufgebaut, so ungefähr ins Mannshöhe, da stand drauf V2 – so eine Rakete. Also irre, alles irre!“

Inzwischen gibt es einen Runden Tisch gegen Rechtsextremismus in der Stadt, der im letzten Jahr eine große Demonstration organisiert hat und als Netzwerk auch künftig mögliche rechtsextreme Aktivitäten im Ahrtal beobachten will. Sorge macht man sich in Bad Neuenahr angesichts des nahenden Prozess-Abschlusses gegen das „Aktionsbüro Mittelrhein“ in Koblenz. Was passiert, wenn die Rechtsextremen aus der Haft entlassen werden und zurück in die Kurstadt kommen? Der Altlinke Wolfgang Huste betreibt ein Antiquariat mitten in der Stadt und ist DGB-Vorstandsmitglied im Kreis Ahrweiler. Er glaubt, das Ende des „Braunen Hauses“ ist nicht das Ende der Neonaziszene in der Stadt:

„Sie müssen ja auch irgendwo leben, also die Parole ‚Nazis raus aus unserer Stadt‘ ist hilfloser Antifaschismus. Wo sollen sie sonst hin, sie müssen ja irgendwo wohnen.“

Jörg Kampmann, der junge SPD-Vorsitzende in Bad Neuenahr-Ahrweiler ist aber optimistisch, dass die Stadt einen Weg finden wird, mit diesem Thema umzugehen:

„Man kann insgesamt der Politik in Bad Neuenahr- Ahrweiler glaube ich schon den kleinen Vorwurf machen, dass bis zu den Martinsfeuern oder sagen wir bis zum Februar 2012 das Thema nicht so richtig ernst genommen wurde aber seitdem wird es ernst genommen und auch von der Verwaltung ernst genommen.“

Quelle: http://www.dradio.de/aktuell/2067074/ vom 08.04.13

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 10. April 2013 um 17:44 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Blog abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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1 Kommentar

  1. 1. Es war das Verdienst diverser Antifa-Gruppen im Kreis Ahrweiler, hauptsächlich von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die auf das gefährliche Treiben im „Braunen Haus“ kontinuierlich aufmerksam machten.
    2. Es waren in erster Linie diese engagierten Antifa-Guppen, die Demonstrationen gegen die Faschisten organisierten und eine breite Öffentlichkeit herstellten. Erst später, als es fast zu spät war, organisierten auch die „bürgerlichen Kreise“ Gegenkundgebungen, um die Träger_Innen der braunen Ideologie aus unserer Stadt, aus unserem Kreis, zu vertreiben. Ohne den Druck durch die Antifa-Gruppen wäre wohl kaum was passiert- oder erst viel zu spät.
    3. Am „Runden Tisch“ sitzt immer noch nicht eine Vertreterin,ein Vertreter, des DGB Kreisverband Ahrweiler, und auch kein Vertreter oder keine eine Vertreterin einer Antifa-Gruppe, auch kein Vertreter, keine Vertreterin der Partei DIE LINKE, kein Sprecher, keine Sprecherin von den Piraten.

    Da wird anscheinend wieder einmal „von oben herab“ differenziert in die „guten“ (bürgerlichen) und vermeintlich „bösen“ (jugendlichen) Antifa-Gruppen, die nicht das „Privileg“ erhalten, an diesem „Runden Tisch“ sitzen zu dürfen. Auch hie wird nach Gutsherrenart bestimmt, wer darf und wer nicht.
    Was ich erwarte? Dass jeder demokratisch gesinnte Mensch prinzipiell am „Runden Tisch“ willkommen ist, dass die Sitzungen öffentlich und demnach transparent durchgeführt werden- denn nur das nenne ich ein demokratisches Vorgehen. Wir brauchen ein sehr breites Bündnis aller demokratisch gesinnten Menschen- statt ein selektives und elitäres! Wo sonst soll und kann demokratisches, antifaschistisches und antirassistisches Denken und Handeln besser eingeübt werden als in einem breiten Bündnis, das offen, unzensiert und „barrierefrei“ tagt?

    Comment: Wolfgang Huste – 12. April 2013 @ 01:32

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