Wolfgang Huste Polit- Blog

Nein zur braunen Erlebniswelt. VON RONNY BLASCHKE

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BERLIN. Ricarda Riefling galt als zuverlässig und freundlich. In Coppengrave hatte die junge Frau 2006 begonnen, sich im örtlichen Sportverein zu engagieren. In der Schwimmabteilung beaufsichtigte sie Kinder während des Trainings und brachte sie anschließend nach Hause. Dass sie als treibende Kraft der »Gemeinschaft Deutscher Frauen« nebenbei Hetzreden gegen Migranten hielt, schien die meisten Vereinsmitglieder kaum zu stören. Heute sitzt sie im Bundesvorstand der NPD und gilt als eine der einflussreichsten Frauen im organisierten Rechtsextremismus.

Im Sport wächst das Netzwerk gegen die Bedrohung von Rechts. Hier sagen Fußballer verschiedener Nationen Nein zu Rassismus. FOTO: GEA-ARCHIV
Für die Sportwissenschaftlerin Angelika Ribler ist Riefling eine Person von vielen, die sich den Sport politisch zunutze machen. »Rechtsextreme wollen in die Mitte der Gesellschaft, und wo ist diese Mitte besonders verortet? Im Breitensport.« Ribler ist Referentin für Jugend- und Sportpolitik der Sportjugend Hessen, sie berät Vereine und Verbände gegen Rechts.

Im Herbst 2007 berichteten Journalisten über die Vereinstätigkeit von Ricarda Riefling. Der Druck wuchs, und so bat der Vereinsvorstand Riefling, ihr Amt abzugeben. In rechtsextremen Internetforen wurde Riefling als Opfer und Rebellin beschrieben, flankiert von Fotos, die sie in einer weißen Bluse zeigten, lächelnd, unschuldig wirkend. Kein Wort fand sich darin über ihre antidemokratischen Thesen. Der erzwungene Vereinsaustritt dürfte ihren Ruf in der rechten Szene gestärkt haben, in einer Szene, in der Verfolgungs- und Verschwörungstheorien Identität stiftend sind. »Sofort einen Rausschmiss zu fordern, kann Widerstand und Solidarität im Verein erzeugen. Darunter leidet die Aufklärung«, sagt Angelika Ribler. »Sportler berufen sich auf ihre politische Neutralität. Doch gerade weil sie neutral sind, dürfen sie Rechtsextreme, die Menschen wegen angeborener Eigenschaften ausgrenzen, nicht dulden.«

Sport als Bühne der Propaganda

Oft ist Sport für NPD und Kameradschaften die Bühne, auf der sie Propaganda verbreiten können. Gegen Polizei am Stadion – und damit gegen Demokratie. Gegen Kommerz in Vereinen – also gegen Kapitalismus. Für die heimische Talentförderung – gegen Einwanderer. Im niedersächsischen Bad Nenndorf nahmen vorbestrafte Neonazis an einem Volkslauf teil. Auf ihren Laufhemden hatten sie Werbung für einen Aufmarsch platziert, der wenig später stattfinden sollte. Im thüringischen Hildburghausen und sächsischen Görlitz schlossen sich Neonazis in Fußballklubs zusammen. Zu dieser braunen Erlebniswelt zählen Kegelabende und Skatturniere, Boxkämpfe und Nachtwanderungen. Sie stärken ihr Netzwerk und werden überregionales Gesprächsthema. Mit einem scheinbar unpolitischen Thema: Sport.

Schlagzeilen machte auch der NPD-Funktionär Stephan Haase in Lüdenscheid. In der Kreisliga C erwarb sich das Ex-Mitglied der verbotenen »Nationalistischen Front« den Ruf als zuverlässiger Schiedsrichter. Er leitete die Partien umsichtig ohne rassistische Beleidigungen. Als seine NPD-Tätigkeit öffentlich wurde, entzündete sich Protest, doch Fußballverband und Vereine kamen zu dem Urteil, dass er juristisch nicht auszuschließen sei. Obwohl er mit seiner Schiedsrichterausbildung geheim organisierte Neonazi-Turniere pfiff.

»Durch Leute wie Stephan Haase wird die NPD ein Stück normaler«, sagt Bernd Benscheidt von der Friedensgruppe Lüdenscheid, die den Protest gegen Haase betrieben hat. Er hatte es schwer, Unterstützer zu finden: »Viele haben negative Schlagzeilen befürchtet. Sie wollten keine schlafenden Hunde wecken.«

Lange hatte die Angst vor dem Verlust von Sponsoren viele Klubs schweigen lassen, doch inzwischen wächst ein Netzwerk gegen Rechts, in dem Erfahrungen und Projekt-Ideen ausgetauscht werden. »Lösungen müssen gemeinsam mit den Vereinen entstehen«, sagt Gerd Bücker, ehrenamtlicher Experte der Deutschen Sportjugend. Was ist zu tun, wenn der Eishockeyspieler mit der Rückennummer 88 aufläuft, einem Code für den Hitlergruß? Oder, wenn sich ein NPD-Funktionär als Sponsor eines klammen Vereins anbietet? Gerd Bücker wirbt dafür, sich früh mit politischen Inhalten der NPD beschäftigen. Hin und wieder mieten Neonazis Hallen oder Schützenhäuser unter falschen Namen, für angebliche Geburtstagsfeiern, die sich als Kadertreffen oder »Zeitzeugenabende« mit einstigen Wehrmachtssoldaten entpuppen. Bücker: »Der Sport sollte immer einen Schritt voraus sein.« (GEA)

11.04.2013
Dieser Beitrag wurde am Donnerstag, 11. April 2013 um 17:18 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Blog abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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