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Isoliert und entrechtet.Protestcamp in Bitterfeld: Mehrere Flüchtlinge sind am Mittwoch für bessere Lebensbedingungen in den Hungerstreik getreten.Von Susan Bonath

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Viele Jahre in isolierten, desolaten Massenunterkünften leben, ein Zimmer mit Fremden teilen. Dazwischen Kinder, Kranke, Traumatisierte. »So kann man nicht mit Menschen umgehen«, hatte sich Sachsen-Anhalts CDU-Innenminister Holger Stahlknecht vor einem knappen Jahr öffentlich entrüstet. Er meinte damit generell die miserablen Bedingungen Asylsuchender in seinem Bundesland. Migranten aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld sehen das genauso. Aber entgegen Stahlknechts Versprechen sei bis heute fast nichts besser geworden. Darum harren mehrere Flüchtlinge seit dem 1. August in der Bitterfelder Innenstadt in Zelten aus. Drei befinden sich seit Mittwoch im Hungerstreik.

Einer von ihnen ist Oumarou Hamani Ousman. »Ich habe nichts mehr zu verlieren«, sagt er. Vor elf Jahren floh er aus dem Niger und landete im Heim Friedersdorf. Ein Bett in der abgelegenen Baracke ist seitdem sein Zuhause. Als Geduldeter darf er weder arbeiten noch das Bundesland verlassen. Ousman fühlt sich seines Lebens beraubt. Nichts gehe voran, »obwohl ich alles tue, was man von mir will«. Er kämpft gegen kaputte Kochplatten und Sanitäranlagen für viel zu viele Menschen, gegen kalte Zimmer im Winter, gegen Gängelei, Langeweile und Enge. »Das macht jeden depressiv«, weiß er. Etwa 150 Menschen leben derzeit in der sogenannten Gemeinschaftsunterkunft, obwohl sie ursprünglich für 90 Personen ausgelegt war. Und Ousman hat das Gefühl, es werden immer mehr. »Es kommt vor, daß einer nach einigen Tagen Abwesenheit ins Heim zurückkehrt und sein Bett belegt ist.«

Auch Sina Alinia hat aufgehört zu essen. »Ich weiß keine andere Lösung«, erklärt er. Zurück in den Iran könne er nicht. Dort würde die Polizei den Regimekritiker töten, ist er sicher. Alinia zeigt Fotos aus Friedersdorf: Doppelstockbetten aus Metall vor kahlen Wänden, darauf zerschlissene Matratzen. Viele Menschen seien krank, aber die medizinische Versorgung schlecht. »Weil wir kein Geld für öffentliche Verkehrsmittel haben, müssen wir kilometerweit laufen, um Krankenscheine vom Amt zu holen und zum Arzt zu kommen«, erläutert er. Selbst in Notfällen rufe die Heimleitung oft keinen Krankenwagen. Dieser Praxis, glauben Alinia und Ousman, sei im April ihr Mitbewohner Cosmo Saizon zum Opfer gefallen. Laut Obduktionsergebnis starb der 33jährige an Herzversagen, verursacht durch eine zu spät entdeckte Entzündung. Der Tod von Adams Bagna im Lager Bernburg nur einen Monat später blieb dagegen ungeklärt. Die Flüchtlinge sagen, er sei trotz seines Asthmas lange Zeit nicht behandelt worden.

Problematisch sei, daß viele Migranten in Anhalt-Bitterfeld dauerhaft mit gekürzten Leistungen leben müßten. Obwohl ihnen laut Bundesverfassungsgericht der Hartz-IV-Regelsatz abzüglich der Sachleistungen zustünde, in Bitterfeld wären das 321 Euro, gewähre die Ausländerbehörde häufig nur 184 Euro pro Monat. »Begründet wird dies meist mit mangelnder Mitwirkung«, erklärt Carola Probst, die ehrenamtlich hilft. Oft seien Betroffene jedoch gar nicht in der Lage, geforderte Unterlagen zu erbringen.

Die Vorwürfe zur Situation der Flüchtlinge sind nicht neu, werden aber von den Behörden immer wieder bestritten. Der Dezernent für Ordnung und Sicherheit des Kreises, Bernhard Böddeker, sagte im Mai der Mitteldeutschen Zeitung, die Unterkunft in Friedersdorf sei »Standard«, die ärztliche Versorgung »zumutbar«. Auf jW-Nachfrage traf bis zum gestrigen Redaktionsschluß keine Antwort ein. Ein Sprecher verwies aber mündlich auf Gesetze und »die schwierige Lage«. »Das sind andere Kulturkreise, die machen vielleicht auch vieles nicht so sauber wie wir«, ergänzte er. Das Innenministerium wollte »aufgrund der komplexen Fragestellung« erst kommende Woche antworten.

In Bitterfeld werden die Hungerstreikenden derzeit »meist ignoriert oder angefeindet«. »Rassismus ist längst in der Mitte angekommen«, sagt Ousman. Deutlich macht dies auch die Kommentarflut unter einem am Mittwoch von der Mitteldeutschen Zeitung veröffentlichten Artikel: Die »unverschämten Ausländer« sollten »gefälligst froh sein, ein Bett und Essen zu haben«, ist man sich dort etwa einig. Der allgegenwärtige Rassismus sei nicht neu, doch werde er, so die Flüchtlinge, immer aufs neue politisch heruntergespielt.

Quelle: www.jungewelt.de vom 09.08.13
Dieser Beitrag wurde am Freitag, 09. August 2013 um 11:47 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Blog abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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