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Wettlauf gegen die Zeit. Von Rüdiger Göbel

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Nach der Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima sind Millionen Menschen einer gesundheitsgefährdenden radioaktiven Belastung ausgesetzt. Seit dem Erdbeben und dem Tsunami am vergangenen Freitag hat es in vier der sechs Blöcke Explosionen gegeben. Am Dienstag wurde erstmals der innere Schutzmantel eines Reaktors in der Anlage beschädigt. Die Strahlenmeßwerte in der Umgebung schossen in die Höhe. Die AKW-Betreiberfirma Tepco sprach erstmals von einer »sehr schlimmen« Lage. Ministerpräsident Naoto Kan erklärte im Fernsehen, aus vier Reaktoren des Kraftwerks seien radioaktive Partikel ausgetreten, und er warnte vor weiteren Lecks. Mittlerweile sei in drei der vier betroffenen Reaktorblöcke eine Kernschmelze möglich. Selbst in der 240 Kilometer südlich gelegenen Hauptstadt Tokio mit 35 Millionen Einwohnern wurden erhöhte Strahlenwerte gemessen. Japanische Medien schrieben von einem »Wettlauf gegen die Zeit« und verbreiteten Verhaltensregeln für den Fall einer radioaktiven Verstrahlung.

Mit der Beschädigung des Schutzmantels in Block 2 des AKW Fuku­shima I hat die Atomkatastrophe eine neue Dimension erreicht. Vor Ort soll nur noch eine kleine Notmannschaft arbeiten. 50 Mann in Strahlenschutzanzügen versuchten laut Behördenangaben, Wasser in die Reaktoren zu pumpen, um sie zu kühlen. Gleichzeitig wurde gemeldet, der Kontrollraum habe geräumt werden müssen. Auf geradezu abenteuerliche Weise soll versucht werden, den benachbarten außer Kontrolle geratenen Reaktorblock4 zu kühlen – aus der Luft. Laut dpa ist geplant, mit Hilfe von Hubschraubern Wasser durch Löcher im teilweise zerstörten Dach zu schütten. Als würde das alles noch nicht reichen, gab es am Dienstag abend (Ortszeit) vor der Ostküste unweit von Fukushima ein neues schweres Nachbeben der Stärke 6,3.

Der Fukushima-Atomunfall hat nach Einschätzung aus Frankreich die zweithöchste Stufe in der Internationalen Bewertungsskala (INES). Das Geschehen sei mit Stufe 6 von 7 zu bewerten, teilte der Präsident der Französischen Atomsicherheitsbehörde (ASN), André-Claude Lacoste, am Dienstag in Paris mit. Einzig die Katastrophe in Tschernobyl vor 25 Jahren hatte die höchste Stufe auf der INES-Skala erreicht.

Angesichts der Schreckensnachrichten aus Japan und mehreren Landtagswahlen in diesem Monat ist in Deutschland ein Wettlauf um die atomkritischste Position entbrannt. Mit Blick auf Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und vor allem Baden-Württemberg scheint es selbst in der schwarz-gelben Bundesregierung keine AKW-Befürworter mehr zu geben. Fast im Stundentakt verschiebt sie ihre Verteidigungslinien. Am Montag mittag hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel ein dreimonatiges Moratorium verkündet, in dem die 17 deutschen Reaktoren einem »gründlichen Sicherheitscheck« unterzogen werden sollten– obgleich sie offiziell ja eigentlich als sicher gelten. Am Montag abend – mehr als 10000 Menschen forderten bei Protesten in gut 400 Städten der BRD einen Sofortausstieg aus der Atomenergie – wurde bekanntgegeben, die zwei Alt-AKW Neckarwestheim I und Biblis A sollten abgeschaltet werden. Am Dienstag morgen erklärte die Kanzlerin, die sieben ältesten Atomkraftwerke (BiblisA und B, Brunsbüttel, Unterweser, Philippsburg 1, Neckarwestheim 1 und Isar 1) vorläufig vom Netz nehmen zu wollen. Am Nachmittag bekundete der eingefleischte Atomkraftbefürworter und baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU), Neckarwestheim werde auf Dauer stillgelegt. Engpässe in der Stromversorgung sind nicht zu befürchten. Die AKW sollten dank CDU/CSU und FDP einzig zur weiteren Gewinnmaximierung – eine Million Euro pro Kraftwerk und Tag – weiter laufen dürfen.

Quelle: www.jungewelt.de vom 16.03.11

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 16. März 2011 um 17:04 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie Blog abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen.

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