Zum wiederholten Mal traf sich die »Internationale Gemeinschaft«, um über die Zukunft Afghanistans zu beraten. Doch weder von Beratung noch von »Zukunft« konnte in Bonn die Rede sein. Die Schlußerklärung war im Vorfeld bereits festgezurrt worden, die Ansprachen bestanden aus Fensterreden, die zudem der Selbstdarstellung der beteiligten Delegationen dienten, und die »Zukunft« Afghanistans wurde lediglich auf das Datum des sogenannten Abzugs der internationalen Truppen Ende 2014 reduziert. Alle darüber hinausgehenden Versicherungen, an der Seite Afghanistans und seines Volks zu stehen und auch über 2014 hinaus »Verantwortung« zu übernehmen, müssen so lange als Lippenbekenntnisse bewertet werden, als nicht wirklich Geld in die Hand genommen wird, um wenigstens den in den zehn Kriegsjahren angerichteten materiellen Schaden zu reparieren. Zu allem Überfluß kam noch die »Einladung« Karsais an die USA, Deutschland und andere Staaten der Kriegsallianz, noch länger im Land zu bleiben, auch mit Militär. Eine Einladung zur Fortsetzung des Krieges über 2014 hinaus!
Die meist verwendeten Begriffe waren »Transformation«, »Demokratie«, »Rechtsstaatlichkeit«, »Menschenrechte«, »gute Regierungsführung«, »Wirtschaftswachstum« und »Wohlstand«. Woran es den Menschen am wenigsten mangelt, sind gute Wünsche.
Die Konferenz wäre eine Gelegenheit gewesen, eine Bilanz zu ziehen. Sie kam weder von Afghanistan noch von den anderen Regierungsvertretern. Wir müssen sie nun selbst versuchen.
Die »Fortschritte«, welche angeblich erreicht worden sind, wurden in den verschiedenen Reden folgendermaßen beschworen: verbesserte Sicherheitslage; mehr Stabilität; mehr Bildung und Rechte für die Frauen; mehr Demokratie (wobei hier interessanterweise weniger auf das gewählte afghanische Parlament, sondern und mehr auf die kürzlich zusammengetretene »Loya Dschirga« verwiesen wurde).
Diesen behaupteten »Fortschritten« in Afghanistan stehen die Fakten gegenüber, die hier noch einmal wiederholt werden sollen: Kaum eine Verbesserung des Bildungsniveaus (gemessen an der Alphabetisierungsrate); keine wirkliche Änderung der Situation der Frauen (Afghanistan hat die höchste Müttersterblichkeit; 80 Prozent der Frauen werden zwangsverheiratet, davon ist die Hälfte jünger als 16 Jahre); stark steigende Jugendarbeitslosigkeit; zunehmende Anzahl der Menschen unter der absoluten Armutsgrenze; zunehmender Bedarf an internationaler Hungerhilfe; über 60 Prozent der Bevölkerung leiden aufgrund des Krieges an psychischen Krankheiten; Ausweitung des Krieges nach Pakistan.
Aufgrund des geringen Erfolgs eines zivilen Aufbaus im Krieg ist die Stimmung in der afghanischen Bevölkerung gekippt. Eine Mehrheit ist gegen den NATO-Krieg und empfindet nach einer repräsentativen Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung die ISAF-Truppen nunmehr als Besatzung (56 Prozent). Und was die angeblich verbesserte Sicherheitslage anbetrifft, treiben zum einen von den USA ausgerüstete afghanische Milizen zunehmend ihr Unwesen, und zum anderen handelt es sich beim Rückgang der ressourcenaufwendigen offenen Talibanangriffe um eine kräftesparende Taktikänderung hin zu Anschlägen auf Hochwertziele. (…)
Quelle: www.jungewelt.de vom 07.12.11
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