Am 4. November 2011, vor genau zwei Jahren, sollte eine Schießerei im sächsischen Eisenach die Existenz einer rechtsterroristischen Killerbande in der BRD offenbaren. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, zwei Mitbegründer des »Nationalsozialistischen Untergrundes« (NSU), sollen sich nach einem Banküberfall selbst gerichtet haben, nachdem ihnen eine Polizeistreife auf die Spur gekommen war. Beate Zschäpe, mutmaßlich das einzige überlebende NSU-Mitglied, sprengte nach dem Tod ihrer Komplizen die konspirative Bleibe in Zwickau in die Luft, bevor sie sich absetzte und Tage später der Polizei stellte. Gegen sie und vier Unterstützer der Rechtsterroristen wird derzeit vor dem Oberlandesgericht (OLG) München verhandelt.
Dutzende Überfälle, mindestens zwei Sprengstoffanschläge und zehn Morde, darunter neun an Migranten, sollen auf das Konto des NSU gehen. Die Anklageschrift der Bundesanwaltschaft, die die Killerbande als terroristische Vereinigung einstuft, geht davon aus, daß es neben den drei Jenaern Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe keine weiteren Mittäter gegeben hat.
Doch die Vergangenheitsbewältigung à la BRD funktioniert. Zwar gerieten die Geheimdienste schnell in die Kritik, ein paar Präsidenten traten zurück – doch der Ruf nach Abschaffung der Verfassungsschutzämter, der im November 2011 von vielen Seiten erhoben wurde, verstummte rasch. Zwar trieben mindestens 26 Spitzel im unmittelbaren Umfeld der Terrorzelle ihr Unwesen, doch eine Verwicklung des Staates »konnte nicht nachgewiesen werden« – ein Bundestags-Untersuchungsausschuß soll dies bewiesen haben. Das Gremium, im Januar 2012 eingesetzt und bis zum Ende der Legislaturperiode im September diesen Jahres aktiv, befragte zwar reihenweise Zeugen aus den unterschiedlichsten Ämtern, doch oftmals wurde es von renitenten Beamten abgespeist. Die Obleute erfuhren, daß die deutsche Polizei im Zweifel auf Hellseher zurückgreift, Autos von Hinterbliebenen verwanzt oder »verdeckte Ermittler« ins Umfeld der Ermordeten einschleust. Doch warum die Zielfahndung ausgerechnet bei drei jugendlichen Neonazis über 13 Jahre lang versagte, konnte der Ausschuß nicht klären. Ebensowenig, warum ein Referatsleiter am 11. September 2011 etliche Akten zum Fall vernichten ließ. Oder was der hessische Verfassungsschützer Andreas Temme während des Mordes an Halit Yozgat im Jahr 2006 am Tatort in Kassel trieb.
In Sachsen, Thüringen und Bayern sind nach wie vor Untersuchungsausschüsse aktiv. Dorothea Marx (SPD), Vorsitzende des Thüringer Gremiums, benannte in der Thüringer Allgemeinen vom Montag weitere Aufgaben: Es gehe um die Frage, ob Pannen bei Verfassungsschutz und Polizei die Mordserie ermöglicht haben oder ob mehr dahinter stecke. »Was verleitet zwei Schwerverbrecher dazu, sich beim Anblick von zwei Polizisten zu Fuß umzubringen?« verdeutlichte sie Zweifel an der Selbstmordthese. Ausgerechnet hier könnte nun noch Bewegung in den Fall kommen: Laut einem Bericht der Berliner Zeitung vom vergangenen Donnerstag sind im ausgebrannten NSU-Wohnmobil DNA-Spuren eines unbekannten dritten Mannes gefunden worden. Sie sollen mit einem genetischen Fingerabdruck übereinstimmen, den die Polizei bereits bei anderen Verbrechen sichern konnte – die Ermittler rechnen ihn einer »litauischen Einbrecherbande« zu.
Schon einmal, beim Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn, ließ sich die Polizei von einer falschen genetischen Spur narren: das »Phantom von Heilbronn« entpuppte sich als Arbeiterin in einer Wattestäbchenfabrik. Und was die ausländischen Kriminellen betrifft: Auch in falschen Zuschreibungen ist die Polizei meisterhaft. Der NSU konnte nicht zuletzt deshalb dreizehn Jahre lang unerkannt morden, weil in der deutschen Behördenlogik Ausländer stets von Ausländern umgebracht werden. Die erschütternden Geschichten der Angehörigen wird sich das Münchner OLG noch bis mindestens Ende nächsten Jahres anhören müssen. Mit dem dann anstehenden Urteil gegen Zschäpe soll das Kapitel NSU endgültig abgeschlossen sein.
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