Was für ein Timing! Nur einen Tag nach der internationalen Afghanistan-Konferenz in Bonn hat die von der NATO gestützte Regierung in Kabul mit der Ausschreibung für die Erschließung von Gold- und Kupfervorkommen begonnen. »Afghanistan ist geologisch gesehen ein reiches Land. Die Untersuchung eines nur kleinen Teils der Fläche unseres Landes zeigt, daß es ein beachtliches Potential für Mineralressourcen gibt«, schwärmte Wahidullah Shakrani, Minister für Bergbau, bei der Bekanntgabe des Ausverkaufs am Dienstag. Das US-Außenministerium geht davon aus, daß die afghanischen Bodenschätze einen Wert von einer Billion Dollar (744 Milliarden Euro) haben.
»Die Regierung der Islamischen Republik Afghanistan beginnt eine Privatisierung und ein Lizenzprogramm für vier seiner Mineralprospektionen«, so Shakrani. Konkret soll mit der Erkundung und Rohstoffausbeutung in den Provinzen Badachschan, Ghasni und Herat begonnen werden sowie einem vierten Gebiet, das die Provinzen Balch und Sar-i-Pul umfaßt. Investoren verspricht Shakrani: »Das Land verfügt über ein vorteilhaftes Regierungs- und Finanzsystem«, für die Rohstoffausbeute seien »entsprechende Sicherheitsvorkehrungen getroffen«.
Die Organisation Transparency International sah in der vergangenen Woche bei der Veröffentlichung ihrer jährlichen Weltrangliste korrupter Staaten, trotz unzähliger Beteuerungen der von Hamid Karsai geführten Regierung in Kabul, die Korruption im Land bekämpfen zu wollen, keine Veranlassung, seine Einschätzung zu ändern. Afghanistan bleibt auf dem vorletzten Platz der Liste. Abgesichert wird das »vorteilhafte Regierungs- und Finanzsystem« in Kabul von Zehntausenden Besatzungssoldaten unter NATO-Kommando, die auf nicht absehbare Zeit am Hindukusch stationiert bleiben.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) freute sich ob dieser schönen Nachrichten aus dem Kriegsgebiet. Nach der Afghanistan-Konferenz empfing sie am Dienstag in Berlin Präsident Karsai zu einem »Arbeitsfrühstück«. Beide gaben im Anschluß bekannt, ihre Zusammenarbeit über 2014 hinaus in einem bilateralen Partnerschaftsabkommen regeln zu wollen. Sie könne sich »gut vorstellen, daß hier neben Verpflichtungen zum weiteren Training von Sicherheitskräften das Thema Berufsausbildung eine wichtige Rolle spielt. Ich denke, die Jugend Afghanistans muß eine Zukunft haben«, so die Kanzlerin. Dann folgte Klartext: In diesen Zusammenhang gehöre auch »eine faire Ausbeutung oder Erschließung der afghanischen Rohstoffe«, so Merkel weiter. Die BRD muß auch nicht bei Null anfangen: Ein Team deutscher Geologen führte bereits Mitte der 1960er Jahre eine Erkundungsuntersuchung.
Überschattet wurden die Gespräche über den Zugang und die Ausbeutung der Rohstoffe am Hindukusch von brutalen Selbstmordattentaten. Polizeiangaben zufolge wurden in Kabul bei einem Anschlag vor einem schiitischen Heiligtum nahe des Präsidentenpalastes mehr als 50 Menschen getötet, darunter auch Kinder. Auch in Masar-i-Scharif und Kandahar gingen Bomben hoch. Zu den Anschlägen bekannte sich zunächst niemand. Die Taliban verurteilten die Bluttaten in einer Erklärung.
Quelle: www.jungewelt.de vom 07.12.11
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